MyPilz Blog
Das Potenzial von Pilzen in der österreichischen Kreislaufwirtschaft
von Dr. Valeria Ellena · 04.03.2026
Eine Studie von MyPilz im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) zeigt, wie Pilz-Technologien nachhaltige Lösungen und Wirtschaftswachstum in Österreich ermöglichen.
Pilze sind überall. Nicht nur dort, wo wir sie als Schwammerl sammeln, sondern auch im Boden, im Holz und im Kompost. Dort wachsen sie als fein verzweigtes Netzwerk, das sogenannte Myzel. So wie Tiere zur Fauna und Pflanzen zur Flora gehören, bilden Pilze ein eigenes Reich: die Funga. Auch wenn sie oft unbemerkt bleiben und ihre Vielfalt im Vergleich zu Tieren und Pflanzen noch unvollständig erfasst ist, besitzen Pilze eine besondere Fähigkeit, die sie zu den Recyclingprofis der Natur macht. Sie zersetzen organisches Material und wandeln es in neue Substanzen um. Dadurch ermöglichen sie geschlossene Stoffkreisläufe und sorgen dafür, dass Nährstoffe für Pflanzen und Tiere erneut verfügbar werden. Genau diese Fähigkeit, aus Reststoffen neue Produkte zu erzeugen, ist ein zentraler Baustein der Kreislaufwirtschaft und der Bioökonomie.
In einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft gibt es idealerweise keinen Abfall, da Reststoffe als Rohstoffe für neue Produkte genutzt werden. Dieses Konzept findet sich im EU Circular Economy Action Plan, in der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie sowie im Bioökonomie Aktionsplan wieder. Ziel ist es, ein System zu stärken, das möglichst wenig Abfall erzeugt, Emissionen reduziert und dabei die regionale Wertschöpfung stärkt. Kein Wunder also, dass Pilze zunehmend als wichtiger Bestandteil des Übergangs zu einer echten Kreislaufwirtschaft gesehen werden.
Pilzbasierte Produkte existieren bereits, und zahlreiche Forschungsprojekte beschäftigen sich intensiv mit diesem Feld. Zu den bekanntesten Beispielen zählen die Produktion von Speisepilzen, die Herstellung des Antibiotikums Penicillin, der Einsatz von Bodenpilzen zur biologischen Schädlingsbekämpfung sowie Mykorrhizapilze als Biodünger in Land- und Forstwirtschaft. Auch die industrielle Produktion von Zitronensäure mithilfe des Schimmelpilzes Aspergillus ist ein gut etabliertes Beispiel der modernen Pilzbiotechnologie. Der monetäre Wert aller pilzbezogenen Produkte und Dienstleistungen wird auf rund 54,57 Billionen US Dollar geschätzt. Dennoch bleibt das Potenzial der Pilzwirtschaft in Öffentlichkeit und Politik oft wenig sichtbar, was eine breite Umsetzung pilzbasierter Lösungen im Rahmen der Transformation hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft erschwert.
Abbildung: Österreichische Wirtschaftssektoren, die direkt oder indirekt von den in der Studie beschriebenen Nutzungsmöglichkeiten von Pilzen und deren Produkten profitieren können. Quelle: Pilze: Rohstoff für vielseitige Anwendungen in einer regionalen und biobasierten Kreislaufwirtschaft. BMLUK, 2025.
Vor diesem Hintergrund wurde MyPilz vom BMLUK mit der Erstellung der Studie „Pilze: Rohstoff für vielseitige Anwendungen in einer regionalen und biobasierten Kreislaufwirtschaft“ beauftragt. Sie konzentrierte sich auf drei zentrale Anwendungsbereiche der Pilztechnologie: Lebensmittelproduktion, Materialproduktion und Abfallbehandlung. Grundlage waren eine Literaturrecherche, eine explorative Umfrage und persönliche Interviews mit relevanten Stakeholdern. Ziel war es, die Akteur:innen der Pilzwirtschaft in Österreich und Europa zu erfassen, das Potenzial pilzbasierter Lösungen zu analysieren und konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Forschung zu entwickeln. Ein wesentlicher Aspekt der Studie sind dabei die positiven Synergien, die entstehen, wenn diese drei Anwendungsbereiche nicht isoliert, sondern vernetzt betrachtet werden.
Kreislauffähige Lebensmittelproduktion durch nachhaltige Pilzzucht
Im Bereich der Lebensmittelproduktion werden hochwertige Produkte wie Edelpilze, Champignons oder Vitalpilze häufig auf Reststoffen aus der Land- oder Forstwirtschaft gezüchtet. Die Speisepilzproduktion eignet sich daher besonders als Ausgangspunkt kreislauffähiger Produktionssysteme und regionaler Wertschöpfung. Bei der Pilzzucht entsteht abgeerntetes Substrat, sogenanntes SMS (Spent Mushroom Substrate), das derzeit überwiegend als Bodenverbesserer oder Tierfutter genutzt wird. Es besitzt aber weiteres Potenzial: Denkbar ist etwa die Extraktion von bioaktiven Molekülen für die Pharma- oder Kosmetikindustrie. Auch hier zeigt sich das Prinzip der Kreislaufwirtschaft, in der ein Reststoff zu neuem Rohstoff wird.
Abbildung: (A) Kontrolle des Wachstums von Kräuterseitlingen unter hygienischen Bedingungen in einer Produktionsanlage. (B) Wachstumskammer mit automatisch regulierter Temperatur, Feuchtigkeit und CO2- Konzentration. (C) Automatisiertes Befüllen von Kultursäcken mit Substrat. Fotos bereitgestellt von der Neuburger Fleischlos GmbH. Quelle: Pilze: Rohstoff für vielseitige Anwendungen in einer regionalen und biobasierten Kreislaufwirtschaft. BMLUK, 2025.
Der globale Markt für Speisepilze wächst stetig und in Österreich ist die Pilzwirtschaft in diesem Bereich mit über 30 Unternehmen vertreten. Gleichzeitig bestehen Herausforderungen, die das volle Potenzial des Sektors noch bremsen: die Lücke zwischen Forschung und Markteinführung, eine fehlende Vernetzung innerhalb der Branche sowie ein begrenztes Bewusstsein für die gesundheitlichen und ökologischen Vorteile von Pilzen. Regionalität spielt für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft eine zentrale Rolle, denn kurze Transportwege und die Nutzung regional verfügbarer Reststoffe tragen wesentlich dazu bei, Kreisläufe tatsächlich zu schließen.
Myzel-Materialien: Pilzbasierte Materialien als Alternative zu Kunststoff
Materialien aus Pilzen herzustellen, klingt futuristisch, ist aber bereits Realität. Bei der Herstellung von Myzel-Materialien werden Pilze auf pflanzlichen Reststoffen wie Stroh oder Holzspänen kultiviert. Das Myzel durchwächst das Substrat, baut organische Partikel ab und verbindet sie zu leichten, stabilen und biologisch abbaubaren Materialien. Diese finden bereits Anwendung als Dämmstoffe, Schallabsorber, Verpackungen, Särge oder sogar als Bauelemente und gelten als vielversprechende Alternative zu Styropor oder synthetischen Schaumstoffen. Die Vorteile gegenüber herkömmlichen Materialien liegen auf der Hand: geringerer Energieeinsatz in der Herstellung, Nutzung landwirtschaftlicher Reststoffe, biologische Abbaubarkeit und das Potenzial für regionale Produktion.
Abbildung: (A) Wachstum von Pilzmyzel auf lignocellulosehaltigem Substrat (B) Vollständig durchwachsener Substratblock in vorgefertigter Form (C) Myzelmaterialien bei der Trocknung. Fotos bereitgestellt von SQIM S.r.l. Quelle: Pilze: Rohstoff für vielseitige Anwendungen in einer regionalen und biobasierten Kreislaufwirtschaft. BMLUK, 2025.
In Österreich sind bislang allerdings nur wenige Akteure in diesem Bereich tätig. Die Studie sieht hier Chancen in der Entlastung des Abfallmanagements, in der Reduktion der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen sowie in der regionalen Stärkung der Innovation. Ohne gezielte Skalierungsstrategien und Investitionen bleibt das Innovationspotenzial jedoch begrenzt, und regulatorische Unsicherheiten sowie hoher Kapitalbedarf stellen zusätzliche Hürden dar.
Pilze in der Abfallbehandlung und Mykoremediation
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie ist die Abfallbehandlung mit Pilzen. Pilze produzieren Enzyme, die komplexe organische Verbindungen abbauen können, darunter Lignin und Cellulose ebenso wie verschiedene Schadstoffe. Sie können polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Insektizide wie DDT, Arzneimittelrückstände wie Paracetamol oder Ibuprofen und teilweise sogar Kunststoffe wie PET zersetzen. Diese Fähigkeit macht sie besonders interessant für die Mykoremediation, also die biologische Bodensanierung mithilfe von Pilzen. Im Vergleich zu klassischen Verfahren wie Deponierung oder thermischer Behandlung ermöglicht die Mykoremediation eine umweltfreundliche und ressourcenschonende Sanierung kontaminierter Flächen.
Abbildung: Struktur von Lignin: Aufgrund der Vielzahl aromatischer Ringe und funktioneller Gruppen gilt Lignin als schwer abbaubares Polymer. Pilze, die Lignin enzymatisch zersetzen können, sind oft auch in der Lage, strukturell verwandte Moleküle, unter anderem auch Umweltschadstoffe, abzubauen. Dazu zählen die weit verbreiteten Arzneistoffe Paracetamol und Ibuprofen, der Explosivstoff TNT, thermoplastische Kunststoffe wie PET, das Insektizid DDT und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe wie Naphthalin. Quelle: Pilze: Rohstoff für vielseitige Anwendungen in einer regionalen und biobasierten Kreislaufwirtschaft. BMLUK, 2025.
Auch in diesem Bereich besteht eine deutliche Lücke zwischen Forschung und praktischer Anwendung. Unternehmen im Bereich Mykoremediation sind in Europa noch selten, und die Studie betont, dass klare rechtliche Rahmenbedingungen, gezielte Förderinstrumente und Citizen Science Initiativen notwendig sind, um pilzbasierte Sanierungsverfahren wirtschaftlich konkurrenzfähig zu machen.
Geschlossene Kreisläufe durch Pilztechnologien
Besonders spannend wird es, wenn man die drei Anwendungsbereiche nicht getrennt, sondern als zusammenhängendes System denkt. Abgeerntetes Substrat aus der Pilzzucht kann als Ausgangsmaterial für Myzel-Materialien dienen oder für die Gewinnung von Enzymen, die wiederum in der Abfallbehandlung zum Einsatz kommen. Pilztechnologien verbinden so Lebensmittelproduktion, Materialentwicklung und Abfallbehandlung zu integrierten Kreislaufsystemen. Die beschriebenen pilzbasierten Lösungen können zu neun der 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen beitragen und Teil einer zukunftsorientierten Wirtschaft sein, sofern die geeigneten Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Was braucht es für eine starke Pilzwirtschaft in Österreich?
Die Studie formuliert konkrete Maßnahmen zur Stärkung der Pilzwirtschaft in Österreich. Dazu zählen gezielte Förderprogramme für Forschung und Betriebe, Investitionen in Skalierung und Wissenstransfer sowie die stärkere Vernetzung der Akteur:innen. Empfohlen werden unter anderem spezialisierte Kompetenzzentren, interdisziplinäre Forschungsprogramme, Pilotprojekte sowie klare regulatorische Leitlinien für pilzbasierte Materialien und Anwendungen. Ebenso wichtig ist die Förderung regionaler Wertschöpfungsketten und die Sensibilisierung für das Potenzial von Pilzen in der Gesellschaft. Erste Schritte sind bereits gesetzt, und wir bei MyPilz arbeitet weiterhin daran, pilzbasierte Lösungen für konkrete Probleme und reale Anwendungen voranzubringen und das Potenzial der Funga für eine nachhaltige Zukunft nutzbar zu machen.
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